Chancen und Risiken des Internets für Selbsthilfegruppen
Jun 15th 2009imedoGesundheit & Medizin & Unternehmertum & Web 2.0
Datenschutzveranstaltung: Vortrag von Dr. med. Ellis Huber
Gemeinsam mit der Landesvereinigung Selbsthilfe Berlin e.V. veranstaltete imedo eine Informationsveranstaltung zum Thema “Datenschutz im Internet”. Referenten waren Rechtsanwalt Niko Härting mit Fachgebiet Internetrecht sowie Dr. Ellis Huber, ehemaliger Präsident der Ärztekammer und heutiger Vorstandsmitglied der DAG SHG. Der Vortrag von Dr. Ellis Huber beleuchtete die “Chancen und Risiken des Internets für Selbsthilfegruppen”. Dabei betonte er die wachsende Bedeutung des Internets für Patienten, Selbsthilfegruppen (SHGs) und das Gesundheitssystem allgemein.
Fragen und Personen “googeln”
Wenn Sie eine Frage haben, googeln Sie diese doch einfach mal. So macht es jedenfalls Dr. Huber. Er informiert sich auf diese Weise auch über neue Bekannte, um von möglichen “Schattenseiten” zu erfahren, so wie einige Unternehmen das mittlerweile auch bei Bewerbern tun. Huber selbst hat bereits die negative Seite des Internets kennengelernt. Auf einer Konferenz wurde ein Foto von ihm gemacht, auf dem er einem Geistheiler die Hand schüttelte. Prompt gab es Probleme bei der nächsten Verhandlung mit einer Krankenkasse.
Ist das Internet gut oder böse?
Das Internet ist ein sinnvolles Instrument, wenn man es richtig zu nutzen weiß. Es kann aber auch leicht missbraucht werden. Daher rät Huber zu einer umsichtigen Verwendung des Kommunikationsmediums. Dagegen nützen Verbote von Seiten der Politik überhaupt nichts. Das Internet hat die Welt verändert. Es hat neue Umgangsweisen und Kommunikationskulturen hervorgebracht. Für Ellis Huber eine Kulturrevolution bzw. ein kultureller Quantensprung. Es hat die Wirtschaft und die Gesellschaft umgekrempelt. Einige wollten das Internet nutzen um ihre Geldgier zu befriedigen und die Naivität ihrer Opfer auszunutzen. Andere versuchten mit wenig Arbeit viel Geld zu verdienen. Doch diese „dotcom-Blase“ platzte. Entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens ist die Mischung von Internet und herkömmlichen Systemen. Die Kunst, neue Instrumente mit dem zu verbinden, was wir schon haben. Das gilt auch für die Medizin.
Vom “Halbgott in weiß” zum “Helfer des Patienten”
Dr. Huber prognostizierte eine Veränderung des Arztberufes vom “Halbgott in weiß” zum “Helfer und Partner des Patienten”. Das fällt Ärzten nicht leicht. Sie sind es gewohnt, zu sagen wo es langgeht. Jedoch kann kein Mediziner so viel wissen, wie ein Patient heute im Internet erfahren kann. Deshalb wird zukünftig die Beratung im Vordergrund des Berufes stehen. Ideal wäre ein Arzt, der auch mal zusammen mit dem Patienten im World Wide Web nach Lösungen sucht. Denn im Internet gibt es nicht nur verlässliche Informationen, sondern auch Obskures und Hoffnungsvolles. Statt zu verordnen und zu verschreiben wird der Arzt die Informationen für den Patienten bewerten und nach individuellen Lösungen suchen. Kein Patient ist wie der andere. Die Frage wird also sein, was für den jeweiligen Menschen in seiner Lage sinnvoll und vernünftig ist. Dieser Wandel kommt in einer Zeit, wo sich unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit verändert. In den 20er Jahren stellte man sich den Menschen als hoch komplexe Fabrik vor. Entsprechend wurde das Gesundheitswesen organisiert. Mittlerweile geht die Entwicklung vom Räderwerk hin zum Netzwerk. Netzwerke sind viel lebendiger und lassen Freiräume zu. Das Netzwerk Internet hat Ähnlichkeit mit dem Gehirn. So wie es Menschen gibt, die das Internet missbrauchen oder Blödsinn einstellen, gibt es auch Gehirnzellen, die Dummheiten anstellen. Trotz der chaotischen Vielfalt im Hin, kommt aber in der Regel ein hoch individuelles und gleichfalls sinnvolles Ergebnis heraus.
Die Möglichkeiten des Internets nutzen
Auch in einem Wirtschaftsunternehmen sind Netzwerke produktiver und kreativer als Räderwerke. Die Selbstorganisation im Kleinen und gemeinsame Zielorientierung im Großen, ist effektiver. Im Gesundheitswesen muss vor allem die Bürokraten weg. Es fehlt an Zwischenmenschlichkeit, Einfühlsamkeit, Vernunft und Achtsamkeit. Dafür müssen die Möglichkeiten des Internets ausgenutzt werden. Seine offene Kommunikation überwindet Grenzen und die SHGs sollten das ausnutzen und zusammenarbeiten. So wird das hierarchische System gezwungen, Macht abzugeben zu Gunsten der Entscheidungsgewalt der Betroffenen. Regionale, kommunale Versorgungsgemeinschaften müssen gestärkt werden. Eine Gesetzliche Krankenversicherung erhält durchschnittlich 2.300 Euro pro Patient. Die Hälfte davon wird in Vorgängen verpulvert, die weder helfen noch heilen. Zum Beispiel ist ein Computer-Tomograph als Massenplacebo überflüssig. Für die Verwaltung sollten auch keine 50 Prozent des Geldes draufgehen. Bis zu 30 Prozent könnten besser für die medizinische Behandlung verwendet werden. Es ist eine neue Managementkultur notwendig, die Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Offenheit herbeiführt. Das Internet kann helfen diese Transparenz herzustellen. Huber forderte von den Ärzten, Patienten so zu behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollen. Dann würde es überflüssige Behandlungen zukünftig nicht mehr geben. Zusätzlich verlangte er ein Rückmeldesystem nach dem Vorbild von eBay: statt alles zu überwachen sollte nur dort geprüft werden wo etwas schiefgelaufen ist. Dann wäre ein schlankes Management möglich und das Gesundheitssystem viel effizienter. Zusätzlich sollte die Erfahrungskompetenz von Selbsthilfegruppen mit der Selbsorganisation einbezogen werden.
SHGs und ihre Chancen im Internet
Im zweiten Teil seines Vortrages wandte sich Dr. Huber noch einmal speziell den Selbshilfegruppen zu. Das Misstrauen des Gesundheitssystems gegenüber SHGs ist immernoch vorherrschend. Selbstständige Gruppen sind Keimzellen, in denen Leute Vertrauen erfahren, Kompetenz entwickeln und lernen, besser mit ihrer Krankheit zurecht zu kommen. SHGs helfen dadurch bei der Genesung. Denn Gesundheit wird nicht durch Spritzen gefördert. Sie wird am stärksten gefördert, wenn der Betroffene weiß, dass er die Herausforderung meistern kann, nicht allein ist und das Gefühl hat, etwas Sinnvolles zu tun. Die Selbsthilfegruppen fördern den gesundheitskompetenten Bürger und damit eine gesunde Zivilgesellschaft. Bei dieser Aufgabe kann sie das Internet unterstützen. Dabei dürfen die SHGs die möglichen Gefahren aber nicht vergessen und so gut wie möglich gegensteuern und sich schützen. Zum Schluss betonte Ellis Huber noch einmal, dass das Internet mehr Chancen als Risiken bietet.
Fragerunde mit Dr. med. Ellis Huber
In der anschließenden Fragerunde gab es noch einige Kommentare und Erfahrungen von Seiten der Selbsthilfegruppen. Beklagt wurden vor allem der Einfluss von Ärzte- und Pharma-Lobbygruppen sowie die Verteilungspolitik der Krankenkassen. Dagegen empfiehlt der medizinische Experte:
- direkten Kontakt zu Therapeuten, Ärzten und Kliniken
- Beispiele im Internet setzen und professionalisieren
- Ausgleich zwischen Kranken und Gesunden
- offene Sicht der Verhältnisse auf Patientenseite
- Transparenz
- und Zusammenarbeit statt Rivalität der SHGs.
Weiterhin wurde die Bedeutung des Internets noch einmal von beiden Seiten hervorgehoben. Huber bezeichnete außerdem das bisherige Honorarsystem der Ärzte als falsch. Doch Veränderungen brauchen ihre Zeit. Er stellte klar, dass SHGs den Ärzten Arbeit abnehmen und empfahl die Schweiz als Vorbild. Dort nutzt man Unterstützungsfonds für die Verteilung der Mittel.
Das anschließende Interview mit Herrn Dr. Ellis Huber finden Sie hier.








an Frau Gärtling für dieses Interview.
