Wer ist schon psychisch gesund?
18. September 2008imedoGastbeitrag, Gesundheit & Medizin
Expertenmeinung zum Thema psychische Gesundheit
Sind wir psychisch eigentlich gesund? Können wir uns selbst richtig einschätzen? Wer sagt, was gesund ist und was nicht? Das sind Themen, über die ich mit Dipl.-Psych. Tobias Söldner immer wieder beim Mittagessen rede. Da ich es für sehr interessant halte, was Tobias so sagt, habe ich ihn gebeten, seine Gedanken mal auf Papier, pardon, Bildschirm zu bringen.
Tobias, vielen Dank für Deine Zeit! Was meinst Du, sind Menschen in der Regel psychisch gesund?
“Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Was bedeutet denn für Dich Gesundheit? Wenn es lediglich die Freiheit von körperlichen Beeinträchtigungen wäre, dann wäre die Sache ja recht einfach. Man nimmt das ICD-10 (ein Buch zur Klassifikation von Krankheiten), blättert ein wenig, und entweder hat man dann eine Grippe, oder man hat keine. Wenn man psychische Gesundheit in die Rechnung mit einbezieht wird es auf einmal wesentlich komplizierter; denn die ist zu erheblichen Teilen lediglich das, was von den Betroffenen selbst und der sie umgebenden Gesellschaft als “normal” oder “gesund” akzeptiert wird.
Ein Beispiel: Homoerotische Beziehungen waren in weiten Teilen des alten Griechenlands ein fester Bestandteil des Gesellschaftssystems, im Mittelalter ein Exkommunikationsgrund, bis in dieses Jahrhundert Krankheit und Familienschande, und in den 60ern plötzlich wieder ein Meilenstein sexueller Befreiung. In einigen Bereichen schwankt hier also die Krankheitsdefinition – und mit Ihr der Leidensdruck der Betroffenen – relativ willkürlich mit der momentan vorherrschenden Meinung. Nun könnte man allgemein festlegen: “Krank ist das, was einen Menschen negativ beeinträchtigt und in seiner Selbstentfaltung behindert.” Das klingt auf den ersten Blick nach einer vernünftigen Definition; tatsächlich beisst sich hier jedoch die Katze in den eigenen Schwanz. Denn wenn die Probleme erst dadurch entstehen, dass ein bestimmtes Verhalten öffentlich als “krank” gebrandmarkt wird, so kann man schwerlich von einer objektiven Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit eines Individuums sprechen.
Natürlich soll dass nicht heissen, dass psychische Störungen eine willkürliche Erfindung von “bösen Psychologen” sind, wie in den letzten Jahren von einer großen Sekte (Hinweis: bemüht sich in Deutschland seit Jahren vergeblich um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft) behauptet wird. Denn jede Gesellschaft hat – in verhandelbaren Grenzen – das Recht, die Bedürfnisse ihrer Mitglieder auch gegen die Interessen von Einzelpersonen zu verteidigen. Und dazu gehört nun einmal auch, dass soziopathisch veranlagten Massenmördern nicht gestattet wird, ihre Persönlichkeit frei zu entfalten. Insofern sind letztere dann auch “krank” – und das wohl in den meisten Gesellschaften. Man darf nur nicht vergessen, dass auf jeden dieser eindeutigen Fälle eine Vielzahl anderer kommen, bei denen die Sachlage wesentlich schwieriger ist.
Interessanterweise schätzen zudem z.B. leicht depressive Menschen ihre Umwelt im Durchschnitt etwas realistischer ein als “Gesunde”. Dazu gibt es ein interessantes Experiment – sozusagen ein “Klassiker” der Psychologie: Befrägt man “gesunde” Menschen auf der Straße (oder auch anonym und privat – das macht kaum einen Unterschied) danach, ob sie sich für überdurchschnittlich klug/schön/glücklich/gesund halten, so antwortet die deutlich überwiegende Mehrheit mit “ja”. Rein rechnerisch ist das natürlich großer Unfug, denn mehr als 50% einer gegebenen Population kann nie gesünder sein als ihr Durchschnitt. Im Grunde genommen belügen sich “gesunde” Menschen also ständig selbst – was sich ohne Zweifel ziemlich krank anhört. Tatsächlich ist das aber ganz gut so; denn nur so lässt sich wohl der Glaube an eine positive, sinnhafte, kontrollierbare Welt überhaupt aufrecht erhalten. Und genau dieser fehlt v. a. Depressiven oft.
Zusammengefasst könnte man sagen, dass eine binäre Unterscheidung in “Gesunde” und “Kranke” objektiv – d.h. losgelöst vom sozialen Kontext – nahezu unmöglich ist. Zudem stimmt die offizielle Krankheitsdefinition selten mit dem tatsächlichen Leidensdruck der Betroffenen überein. Gesundheit ist also zu großen Teilen Ansichtssache.”
Vielen Dank, Tobias, für Deinen Beitrag über psychische Gesundheit!
Tobias ist Diplom-Psychologe und hat an der Universitä Trier, der Sophia University Tokyo und der Humboldt Universität Berlin studiert.


Joho am 22. September 2008 um 14:36 #
Zwischen Wahnsinn und Verstand
steht oft nur eine dünne Wand