Schwerhörigkeit: Wenn die Ohren “offline” sind
20. Juli 2008Tina BernsteinGesundheit & Medizin & Tipps & Tricks
Wie wäre das Leben eigentlich, wenn einer oder mehrere der Sinne nicht funktionieren würden? Gedanken darüber habe ich mir nie gemacht. Meine Eltern haben mich mit allen Sinnen gut ausgestattet. Ich genieße das leckere Essen, fühle Hitze und Kälte, Hartes und Weiches, sehe schöne Farben und Formen, ich rieche den Regen und höre das Summen der Bienen. Dass es Menschen gibt, die nicht all diese Dinge so auskosten können wie ich, war mir zwar immer bewusst, aber irgendwie auch egal. Bis ich meinen Freund kennen gelernt habe …
Gebärdenalphabet für Anfänger
Über meine Mitbewohnerin habe ich ihn abends kennen gelernt. Sie ist schwerhörig, er auch. Er musste mir am Telefon den Weg verraten, weil alle anderen noch schlechter hören als er. Seine Schwerhörigkeit bemerkte ich am Telefon nicht. Erst als ich mit den Freunden meiner Mitbewohnerin in einer Runde saß fiel mir auf, dass sich die Kommunikation zwischen den Freunden in vielen Fällen auf Fingerzeichen beschränkte. Als ich meinen Herzbub besser kennengelernt habe, gab es oft Momente in denen ich mir klar machen musste, dass es nicht immer einfach sein wird. Ein kleines Gerät in seinen Ohren verstärkt zwar die Geräusche, aber alles kann er nicht hören. Den Eierkocher zum Beispiel, denn die Frequenz des Alarmtones ist zu hoch. Ebenso das Summen der Bienen oder den Alarm des Weckers.
Schwer hören ist manchmal gar nicht schlecht
Wenn er seine Hörgeräte rausnimmt und “offline” geht, wie wir es nennen, kann er mich kaum hören. Das ist nachts der Fall, wenn er duscht oder lernt - einfach mal abschalten. In manchen Situationen habe ich ihn darum schon beneidet: Wenn man nicht das dumme Gerede in der U-Bahn hören muss oder lernen kann, ohne die Nebengeräusche wahrzunehmen. Manchmal eben ist das gar nicht schlecht.
Filme meist mit Untertitel
Auch wenn aller Anfang solch einer außergewöhnlichen Situation gewöhnungsbedürftig ist, so kann man sich doch leicht einspielen. Für den Eierkocher bin ich zuständig, der Wecker funktioniert mit Vibrationskissen genauso zuverlässig wie mit Klingelgeräusch und Filme schauen wir zur Verstärkung noch mit Untertitel.
Und nachts - auch wenn es mir schwerfällt - kann auch ich mal “offline” gehen und einfach meinen Mund halten.
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