Brief an den Bundespräsidenten zur Krise im Substitutionsbereich (Suchtmedizin)
13. Juni 2007Christian AngeleGastbeitrag
Unser 1. Gastbeitrag: Droht eine Krise im Substitutionsbereich?
Suchtmedizin, Substitution – was ist das überhaupt?
Herr Dr. Albrecht Kadauke ist seit über 20 Jahren in diesem Bereich tätig und war damit einer der ersten Suchtmediziner Deutschlands. Ich hatte vor ein paar Tagen die Möglichkeit ihn bei einem Abendessen kennenzulernen und er hat angeboten seinen Brief an den Bundespräsidenten zur Krise im Substitutionsbereich (Suchtmedizin) auf unserem Blog zu veröffentlichen.
Gerne übergebe ich daher das Wort an Herrn Dr. Kadauke:
<Brief Anfang>
“Betr.: Es droht eine Krise im Substitutionsbereich!
Seit vielen Jahren wird ein Teil der Drogenabhängigen substituiert, d.h., sie erhalten eine Therapie mit einem Drogenersatzstoff. Damit können diese Menschen normal leben, sie können arbeiten, am Verkehr teilnehmen, eine Familie / Partnerschaft gründen, glücklich werden. Gleichzeitig ist durch diese Therapie nachweislich die Zahl der Drogentoten und die Zahl der Beschaffungskriminalität drastisch zurückgegangen.
Die Substitutionstätigkeit ist an die sog. Suchtmedizinische Qualifikation gebunden. Strikte Einhaltung der Betäubungsmittelverschreibungs-Verordnung und der einengenden Substitutionsrichtlinien ist Pflicht. Höchstens 50 Patienten darf eine Praxis versorgen. Tägliche Ausgabe, auch an Wochenenden und Feiertagen ist Pflicht in den ersten 6 Monaten einer Behandlung. Urlaubsvertretung nur durch andere substituierende Praxen erlaubt Pflicht (Krankenhaus bewährt sich überhaupt nicht).
Andererseits werden substituierende Ärzte kriminalisiert: Wenn unsere Dokumentation nicht zu 100% stimmt, dann setzt schnell die Strafverfolgung ein. Dies setzt uns substituierende Ärzte dermaßen unter Druck, daß bereits 45 % der Ärzte im KV-Baden-Württemberg-Bereich ihre Substitutionstätigkeit aufgegeben haben. Neue Ärzte kommen nicht dazu.
Zum 30.06.07 gibt ein Kollege am Ort seine Substitutionstätigkeit bei Drogenabhängigen auf.
Was bedeutet das für unsere Stadt?
Auf unsere Praxis kommt eine Zahl von ca. 50 neuen Patienten zu, die wir nicht verkraften können. Die Patienten können nicht auf andere Ärzte verteilt werden, da die meisten Ärzte keine suchtmedizinische Qualifikation haben und keine problematischen Drogenabhängigen in ihrer Praxis haben wollen. Wir können keinen Urlaub mehr machen, da wir keinen Urlaubsvertreter für die Substituenten mehr haben! Und dieser Trend wird sich immer mehr zuspitzen.
Was bedeutet das für die Gesellschaft?
Wenn keine Lösung gefunden wird, kommen wir zu Zuständen zurück, die denen vor der Substitutionszeit ähneln:
Wieder mehr Drogentote, mehr Drogenkriminalität (Beschaffung, Prostitution, dealing), benutzte Spritzen auf öffentlichen Spielplätzen, mehr Verelendung, Menschen im Drogenrausch in aller Öffentlichkeit, Zerstörung der Strukturen, die die Substituierten mittlerweile aufgebaut haben (Arbeitsplatz, Familie, außerszenische Kontakte).
Diese Tendenzen werden zunehmen, wenn immer mehr Ärzte die Substitutionstätigkeit aufgeben werden.
Hier brauchen wir Ärzte Hilfe der Politik!
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Es geht nicht, daß immer mehr Drogenabhängige von immer weniger Ärzten behandelt werden.
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Das geht immer mehr über unsere Kräfte (Einsatz an 365 Tagen im Jahr), da Vertretungen durch suchtqualifizierte Kollegen immer mehr wegfallen.
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Unsere Praxen werden gegen unseren Willen Schwerpunktpraxen Drogenabhängiger
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Die Drogenszene verdichtet sich in der Arztpraxis immer mehr. Ursprünglich war geplant, daß jeder Hausarzt einige wenige Drogenabhängige substituieren sollte.
Geholfen wäre mit
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Entschärfung der teilweise nicht nachvollziehbaren Vorschriften, damit die Substitution nicht überall nur behindert wird.
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Rücknahme der nicht mehr nachvollziehbaren Dokumentationspflichten
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Rücknahme der zunehmenden Kriminalisierung der Ärzte
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Entschärfung der rigiden Vorschriften der täglichen Ausgabe.
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Teildispensierrecht für Ärzte zur Mitgabe über ein Wochenende.
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Lockerung der Take-Home-Richtlinien.
+ Herr Dr. Kadauke hat auf unserem Gesundheitsportal www.imedo.de schon vor längerer Zeit eine Gruppe “Suchtmedizin” für weitergehende und vertiefte Diskussion eröffnet. Daher einfach hier auf dem Blog oder in der Gruppe Beiträge bringen! (Foren sind ja bereits genügend angelegt
Ich sage
an Herrn Kadauke! (schöner Button von bigday, aufgeschnappt bei Bernd)


gregor am 14. Juni 2007 um 17:05 #
sollen wir jetzt drogenabhängige auch noch hofieren, oder was?
christian.lautner am 15. Juni 2007 um 18:01 #
Ach ja, sachliche Diskussionen machen mir am meisten Freude
Julia am 6. Oktober 2007 um 10:55 #
Gregor hat den Brief entweder nicht gelesen oder ihn einfach nicht verstanden.
Zitat: “sie erhalten eine Therapie mit einem Drogenersatzstoff. Damit können diese Menschen normal leben, sie können Arbeiten, am Verkehr teilnehmen, eine Familie / Partnerschaft gründen, glücklich werden. Gleichzeitig ist durch diese Therapie nachweislich die Zahl der Drogentoten und die Zahl der Beschaffungskriminalität drastisch zurückgegangen.”
Mit Hilfe der Substitutionsmedizin können drogenabhängige Menschen wieder in die Gesellschaft integriert werden und somit wieder einen Platz als arbeitender, steuernzahlender und unproblematischer Bürger einnehmen. Ohne Substitution gibt es Probleme. Mit Substitution können die Probleme teilweise gelöst werden. Da wir ein Sozialstaat sind, ist es unser aller Pflicht, uns in jeglicher Hinsicht gegenseitig zu substituieren.
Aber nicht nur in Hinsicht Drogenabhängiger wird den Helfern die Arbeit schwer gemacht: Jugendeinrichtungen, Steetworker, alle sozialen Bereiche werden dermaßen heruntergedrückt und können ihre Arbeit ebenfalls bald nicht mehr fortsetzen.
Wer aber noch nie drin gesteckt hat, wird es nicht verstehen, wie wichtig und gleichermaßen traurig all diese Zustände sind. Ich hoffe für gregor und Leute wie ihn, dass sie irgendwann die Augen öffnen, um auch selber glücklicher zu werden. Denn wenn man nur negative Seiten der sozialen Substitution sieht, kann man nicht glücklich sein.