Zweiklassenmedizin im Zweiklassenstaat

hmmm. Ein bisschen Übertreibung muss wohl immer sein, um Aufmerksamkeit zu bekommen. So nicht nur das Buch des Gesundheitsexperten Lauterbach, sondern auch die Überschrift des Spiegels: “Unsere Gegner sind die Patienten”.

Gleichzeitig steckt in jeder Übertreibung auch einiges an Wahrheit… und so wohl auch in Karl Lauterbachs Buch “Der Zweiklassenstaat – Wie die Privilegierten Deutschland ruinieren”, aus dem gerade im Spiegel ein Abschnitt zur Zweiklassenmedizin veröffentlicht wurde.

Am Ende stellt sich natürlich wieder die Frage wem das Buch tatsächlich nützt – dem Kassenpatienten? Wohl weniger, eher schon dem gut verdienenden Herrn Lauterbach, der dadurch nochmal mehr verdient und zur Zweiklassengesellschaft beiträgt, indem denn Kassenpatienten sein Buch kaufen und ihm in die Kasse wirtschaften.

Egal – der Ausschnitt lohnt zu lesen und rückt die eine oder andere Behandlung in ein anderes Licht. Daher hier ein paar Punkte:

1. “Die Unehrlichkeit hat bei uns System. Der Ehrliche gilt als der Spielverderber.” – glatter Knockout für alle, die jetzt was gegen Herrn Lauterbach sagen ;-)

2. “Ein Spezialist kann einem vielleicht helfen, ein überforderter Arzt bringt einem bestenfalls neue Probleme, schlimmstenfalls leitet er das Finale ein.” – deutliche Worte

3. “Die gesetzlich Versicherten werden häufig durch die unerfahrenen Ärzte behandelt, die sich gerade in der Ausbildung befinden.” – dann war der Spruch meines damaligen Hausarztes nach der BlinddarmOP und einer übergroßen Narbe also doch kein Scherz: “Da hat man halt mal einen jungen Arzt üben lassen”

4. “Die knappste Ressource in unsrem Gesundheitssystem, die Zeit der Superspezialisten, wird oft für Trivialeinsätze verschwendet, damit diese Leute gut verdienen und die Privilegierten zu jedem Zeitpunkt die bestmögliche Versorgung genießen”

5. “Kassenpatienten werden sehr oft unnötig stationär aufgenommen, weil sonst die Klinik die Leistung nicht “abrechnen” kann” und erklärt weiter, dass primär gesetzlich Versicherte unnötig ins Krankenhaus eingeliefert werden und überflüssigen Operationen ausgesetzt sind – vorsätzlich (?) “überflüssige Operationen”, da wird einem ja schlecht!

6. Eine interessante Ausführung gibt es auch zur Finanzierung, die damit endet, dass Herr Lauterbach die private Krankenversicherung als “eine Art Steuerschlupfloch für Reiche in der Krankenversicherung” bezeichnet, das geschlossen werden müsste.

7. Das Beste kommt dann zum Schluss: Ein paar Arztaussagen von einem gewissen Facharztportal, das ich hier nicht nenne:

- “Wäre ich (Kassen-)Patient, ich würde den Fuß nicht in meine Praxis treten, so luslos bin ich inzwischen.”
- “Nein, ich habe mit den heutigen “Armen”, mit dem “Prekariat” keine Spur Mitleid. Die eigentlcihe Schande ist, dass unser Sozialstaat diese feiste Unterschicht erzeugt und unterhält.”
- “Unsere Gegner sind die Patienten, die unserer Leisungen so Preiswert wie möglich, am liebsten umsonst bekommen wollen und hinten den Politikern mit dem Stimmzettel stehen. Die Patienten wollen den “Arzt umsonst”, damit Geld für Urlaubsreisen, saufen, Fußballarenen, Freizeitspaß, Frührente, Blaumacherei usw. übrig bleibt.”
- mein persönlicher Favorit als krönender Abschluss: “Praxis schließen, verrecken lassen, sonst kapiert’s keiner.”
–> Klasse, unsere Götter in weiß mal ganz unter sich!
Bei einem Punkt muss ich aber Recht geben: Durch eine immerzu gegebene Krankenversicherung haben wir Deutsche nach meinem Gefühl tatsächlich kein Kostengefühl in Gesundheitsangelegenheiten.

–> Dennoch: Patienten vereint Euch in unserer Gesundheitsgemeinschaft imedo.de! Es wird anscheinend allerhöchste Zeit, dass sich auch Patienten zusammenschließen und sich gegen diesen kranken Wahnsinn vereinen!

Muss ich mich jetzt eigentlich schlecht fühlen, dass ich als Selbständiger mit Studenteneinkommen in die günstigere private Krankenversicherung wechsle, weil ich mir die staatlichen Fixsätze nicht leisten kann?
[mehr zu Krankenversicherung für Selbständige auch in einem der nächsten Teile von "Gründerfragen"]

Mehr im Buch von Herrn Lauterbach und im aktuellen Spiegel (11.6.2007), S. 86ff.

Nachtrag: Gerade bin auf einen Beitrag des ZDF Frontal21 zu genau diesem Thema gestoßen. Hier klicken.

Eine Antwort

  1. Spiegel-Online: “Heiße Luft” oder “Das Geschäft mit den Privatpatienten” | Das imedo-Gesundheitsblog am 29. Juli 2008 um 10:11 #

    [...] Vielfach spricht man ja von einer Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland (unter anderem auch wir, nämlich hier und hier). [...]

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